Birgit Dankert: Was Michael Ende zeitlos macht, ist die Figuren- und Handlungsgestaltung, die aktuelle Elemente geschickt mit traditionellen literarischen Typen verbindet

Michael Ende ist ein mythopoetischer Autor, dessen Werke und von ihm geschaffene Welten die Grenzen der Kinderliteratur überschreiten. Das Erbe, das er hinterlassen hat, wartet noch darauf, entdeckt zu werden. Seine tiefe Verbundenheit mit der deutschen Romantik einerseits und seine Kritik an der modernen Welt und Technologie andererseits verschaffen ihm eine einzigartige Stellung in der Literaturwelt. Wir sprachen mit Birgit Dankert einer Kulturexpertin, die eine umfassende Biografie über Michael Ende verfasst hat und für ihre Werke und ihren Beitrag zum deutschen Bibliothekswesen bekannt ist.

Könnten Sie uns etwas über das Leben von Michael Ende erzählen? Wie haben die Tatsache, dass sein Vater ein surrealistischer Maler war, seine im Schatten der NS-Zeit verbrachte Kindheit und seine spätere Tätigkeit als Theaterkritiker seine Gedankenwelt und literarische Orientierung geprägt? Welche intellektuellen und persönlichen Prozesse standen hinter Endes Hinwendung zur Kinder- und Jugendliteratur?

Edgar Ende und Lotte Schlegel (1961)

Die deutsche Zeitgeschichte der Lebensjahre von Michael Ende (1969 – 1995) ist für Biographie wie für den schriftstellerischen Weg Michael Endes gleichermaßen prägend. 1929 in Garmisch (einem bekannten Kurort in Bayern/Süddeutschland)  geboren,   verlebte er hier und nach dem Umzug der Familie in einen Außenbezirk der Landeshauptstadt München unbeschwerte, behütete und prägende Kinderjahre. Seit 1935 wohnte er mit den Eltern in einer Atelierwohnung im Münchner Künstlerstadtteil Schwabing. Sein Vater war der aus Hamburg-Altona stammende surrealistische Maler Edgar Ende (1901 – 1965).

Von Beginn an ein problematischer Schüler, besuchte Michael Ende ab 1936 die nahegelegene Grundschule.  Der Eintritt in das ebenfalls zu Fuß erreichbare traditionsreichen Maximilian Gymnasiums 1940 fiel zusammen mit Kriegsbeginn, spürbarer nationalsozialistischer Einflussnahme und wachsender Entfremdung vom rigorosen Schulbetrieb. Geprägt von der  politischen Systemferne der Eltern und den Kunsttheorien des Vaters blieben dem früh pubertierenden Jungen der Schulweg und Freundschaften, auch sexuelle Erfahrungen als Erlebnisraum wie sie in vielen seiner Prosastücke für Kinder und Erwachsene wiederzuerkennen ist.

Birgit Dankert

Der Vater wurde 1941 zum Kriegsdienst eingezogen. Michael Ende erlebt bei Verwandten 1943 den großen Bombenangriff auf Hamburg („Operation Gomorrha“) und kam im Zuge der sogenannten Kinderlandverschickung in das nahe bei München gelegene Garmisch-Partenkirchen. Dort beginnt seine zunächst an Schullektüren orientierte schriftstellerische Tätigkeit. Nach Kriegsende 1945 stellt ein Kollege des Vaters der wieder vereinten Familie eine Atelierswohnung in der Münchner Leopoldwohnung zur Verfügung, in der Michael Ende bis 1962 lebt.

Als junger Mann prägt ihn die religiös-weltanschauliche Orientierung der Eltern im Umkreis von Anthroposophie und Waldorf-Pädagogik. 1947/1948 verbringt er die letzten zwei Schuljahre an der Waldorfschule in Stuttgart. Die kulturellen Re-Education Einrichtungen der US-Besatzung und die Stuttgarter Kunstszene weisen ihm neue Wege. Ein erstes Gedicht erschien 1947 in der Eßlinger Zeitung.

Ohne den zum Hochschul-Studium vorgeschriebenen Schul-Abschluss kehrte Michael Ende nach München zurück. Von 1949 bis 1951 absolvierte er die Schauspielausbildung an der renommierten Otto Falckenberg Schauspielschule München. In der Theater-Spielzeit 1951/52 erprobte er sich an einem norddeutschen Provinztheater, kehrte nach München zurück und lernte dort seine spätere erste Ehefrau, die Schauspielerin Ingeborg Hoffmann kennen. Viele seiner Projekte sind in Kooperation mit ihr entstanden.

In der Folgezeit schrieb Michael Ende Filmkritiken, entwarf und realisierte Texte für Kabarett und Kleinkunstbühnen.  1956 begann er die Arbeit an dem Kinderbuch „Jim Knopf“, ohne sich als Kinderbuch-Autor definieren und auftreten zu wollen. Durch den  durchschlagenden Erfolg des auch medial aufbereiteten Buches nahmen Texte für Kinder und Jugendliche einen immer größeren Anteil seines schriftstellerischen Schaffens ein. Seine Texte für Erwachsene und literaturtheoretische Erörterungen begleiteten diese Erfolge, stellten allerdings keine aufeinander bezogene Einheit dar.

Die Tantiemen zu „Jim Knopf“, auch das Erbe seines 1965 verstorbenen Vaters ermöglichen Ihm den Kauf eines historischen Gebäudes, des Alten Schlosses Valley. Er verkauft es 1970  und erwirbt ein Haus in Genzano bei Rom, das bis zum Tod  von Ingeborg Hoffmann (1985) sein Lebensmittelpunkt und Rückzugsort wird. Nach dem Tod des Vaters beschäftigt er sich schriftstellerisch mit den surrealistischen Motiven in dessen Bildern. In rascher Folge erscheinen nun neben Anthologie-Beiträgen und Bilderbüchern die ebenfalls erfolgreichen und zum Teil multimedial aufgenommenen Kinder- und Jugendtexte „Das Schnurpsenbuch“ (1969), „Momo“ (1973, verfilmt erstmals 1986) und schließlich 1979 „Die unendliche Geschichte“ (1979, verfilmt erstmals 1984). Von der deutschen Literaturkritik überwiegend als  nicht-künstlerischer Eskapismus beurteilt, wird das Buch ein überragender, auch international positiv aufgenommener Erfolg. Sein Theaterstück „Die Spielverderber“ erringt bei der Uraufführung 1967 in Heidelberg bestenfalls einen Achtungserfolg.. Durch Mariko Sato gewinnt er Kontakt mit der japanischen Verlagsszene und reist 1977 daserste Mal nach Japan. Mariko Sato wird 1989 seine zweite Ehefrau. 

1978 macht Ende in Rom die Bekanntschaft mit dem Komponisten Wilfried Hiller, der bis heute einige seiner Texte in Opernfassungen vertont. So wird 1983 in München die Oper „Der Goggolori“ mit dem Libretto von Michael Ende uraufgeführt.  1992 kommt Hillers Vertonung des Bilderbuchtextes „Das Traumfresserchen“ (1978) auf die Bühne,

Eine finanzielle Krise durch betrügerische Machenschaften seines Vermögensverwalter übersteht Michael Ende in den Jahren 1988/1989 mit Hilfe des Thienemann Verlages, der nun weitgehend dass copyrights seiner Werke besitzt.

1994 erhält Michael Ende den Befund Magenkrebs. Nach einigen vergeblichen Heilungsversuchen zieht er sich in die anthroposophisch geführte Filderklinik bei Stuttgart zurück. Dort stirbt er am 28.08.1995.

Obwohl seit der Veröffentlichung von Endes Büchern Jahrzehnte vergangen sind, finden sie immer noch neue Leser und bewahren ihre Aktualität. Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Merkmale, die seine Werke so zeitbeständig machen? Was sind die Elemente, die Ende innerhalb der zeitgenössischen Fantasy-Literatur wirklich einzigartig machen?

Michael Ende war von Jugend auf ein „Theatermensch“. Ob im Schulspiel der Waldorf-Pädagogik, im Kabarett der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der Aufarbeitung von Theatertheorien der „Siegermächte“ Frankreich und USA in der Dramaturgie Bertold Brechts oder auch im Stegreifspiel des Straßenkünstlers von Palermo –  er nahm diese Eindrücke und Erfahrungen ganz intensiv als dramaturgische Schule und Lebensrhythmen auf. Auch seine drei großen Kinder- und Jugendromane „Jim Knopf“; „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ sind näher betrachtet Szenenfolgen und dabei dramaturgisch bis in die kleinste Sequenz durchdacht. Dieses Prinzip ist offensichtlich zeitlos und läßt sich mühelos in unterschiedliche Epochen  mit zeitabhängigen Rahmenbedingung und –Erfahrungen einbauen.

Ein zweites Moment seiner offensichtlichen Zeitlosigkeit ist eine Personen- und Handlungsgestaltung, die immer eine wohlbedachte Mischung aus aktuellen Bezügen und charakterlichen, auch traditionsreichen literarischen Prototypen gewährleisten. Mit dieser Konstellation haben diese Figuren „genug zu tun“ und dürfen niemals von zu großer psychologischer Tiefe sein. Die bringt der sich angesprochen fühlende Leser jeweils ein. Was für ein nachdenklicher 

Junge ist Jim Knopf eigentlich, an welcher individuellen Eigenschaft (über Kostüm und Zuhören hinaus) erkennen wir Momo und wie steht es denn mit dem Erwachen des Gewissens im pubertierenden Bastian? Die gewollte, gewählte Unschärfe zugunsten überzeitlicher Gültigkeit kann dann jeder für sich auslegen. Daneben erlaubt sie, Personen und Handlungskonstellationen von Lyrik und Prosa in dramaturgische Darstellungsformen zu übertragen. Das sieht man aber leider auch daran, dass sich trivialste Darstellungsformen  der Michael-Ende-Erzähltaktik  bedienen und erfolgreich sind, d.h. immer noch von der unerreichten Substanz profitieren. 

Michael Endes Fantasy lebt von der, aber eben nicht platt durch Romantik und Schauerdramen. Sie sind Bausteine, wirken als Verstärker seiner intendierten Erzählung, die immer ihr eigenes Gesetz hat. Für mich persönlich liegt die Einzigartigkeit seiner Fantasy-Geschichten in der stupenden Folgerichtigkeit der Ereignisse – in einer phantastischen Welt, die doch „eigentlich“ nicht durch Stringenz charakterisiert wird. Außerdem hat sich Ende nachweislich bemüht, in diesen Geschichten vordergründige Erotik gleich welcher Art zu vermeiden. Natürlich war ihm sehr wohl bewußt, dass sie gerade in diesem „Verzicht“ immer wieder vom Leser assoziiert werden würde – natürlich auch von  Kindern. 

Wie ist Michael Endes Beziehung zum Erbe der deutschen Romantik und wie repräsentiert er diese Tradition in seinen Werken?

Zunächst sei erwähnt, daß Michael Ende ein Kenner (Leser) der romantischen Literatur und Ästhetik war. Da diese Kenntnis zunächst von seiner Schulbildung und familiären Erziehung herrührte, war sie ihm als Haltung, aber auch als Prosa-Fundus präsent und verfügbar. Er bewunderte die Epoche, die Sichtweise der Romantik als ein Weltmodell, dessen Ideale er als einen Kompass unter anderen in sich aufnahm. Gleichzeitig  besaß er – wie bei vielen anderen Phänomenen auch – zur Epoche der Romantik wie zum „romantischen“ Lebensgefühl ein ambivalentes Verhältnis Die Kulissenhaftigkeit des romantischen Erzählens war ihm bewußt.  Das romantische Erzählen stand ihm zur Verfügung. Er benutzte es, wenn es seinen Erzählabsichten zustatten kam. Dabei führte er über viele Jahre ein Leben, das man in mancherlei Hinsicht als „romantisch“ (Künstler-Existenz; Italien-Sehnsucht) charakterisieren konnte und sollte.  In Wahrheit aber hielt das romantische Lebensmodell seinen  Lebenserfahrungen von Kindheit an nicht stand. Es blieb ein Ideal, von dem er sich einsichtig immer mehr zurückzog. Zwischen anthroposophischer Zielstrebigkeit und dem Minimalismus des Zen-Buddhismus, der Bedürfnislosigkeit, die ihn die Lebensphilosophie seiner zweiten Ehfrau gelehrt hatte, zeigte sich die Romantik als nicht mehr als ein deutsches Modell, dem er gleichwohl viel zu verdanken hatte.

Die Fachliteratur  und journalistische Beschäftigung mit Michael Ende hat wiederholt seine Nähe zur deutschen Romantik , besonders zu Novalis angeführt.  Novalis‘ spiegelsymmetrisches Bild von Erwartung und Erfüllung, das facettenreiche Verhältnis von Traum und Realität werden  vielfach zur Deutung der „Unendlichen Geschichte“ angeführt.  Als ein Grund für Endes Nähe zur Romatik nennt Hans Heinrich Ewers Endes literarisches Programm der „Re-Mythisierung der Gesellschaft“ . Markus May konstatiert ebenfalls Nähe zu Novalis dessen „Poetisierung“ einer rationalen Moderne Ende aufgenommen und aktualisiert habe.

Sind Endes Erzählungen eine Flucht aus der Realität oder sollen sie dem Leser eine tiefere symbolische Auseinandersetzung bieten?

Es gibt wenige Fragen in der deutschen Nachkriegsliteratur, insbesondere aber in der Kinder- und Jugendliteratur, die einen solchen Furor bis hin zu persönlichen Beleidigungen, unauflösbaren Feindschaften und lange nachwirkenden Verletzungen erzeugt haben wie die Frage nach der Wertigkeit von Michael Endes nicht realistischer Prosa. Und daher: ich habe Endes Bücher zunächst ebenfalls für apolitischen Eskapismus gehalten. Ich kannte Michael Ende persönlich und als damalige überzeugte „junge Linke“ kam er mir etwas apolitisch versponnen vor. Meiner Wahrnehmung nach hat sich im Laufe der Jahre bei Freund und Feind, von Generation zu Generation ein entspannteres Verhältnis zu dieser Frage entwickelt. Der als apolitisch gescholtene Autor hat ja sehr bald ernsthafte politische Stellungnahmen veröffentlicht und gelebt, hatte dabei hochrangige Gesprächspartner und zeigte akribische Kenntnisse der politischen Positionen in Wissenschaft und Feuilleton. In Japan, der Heimat seiner zweiten Frau, schließt die Michael Ende-Rezeption auch Respekt vor seiner weltanschaulichen Haltung ein. Man muß seine politischen Bekenntnisse ja nicht als Expertise einsetzen und ihr auch nicht folgen, aber als Meinung eines Fantasy-Autors erlangen sie doch Wirkung. Im Fall Michael Ende gab es ein klassisches Paradoxum zu erleben: der Vorwurf des vermeintlich apolitischen Handelns eines Autors führte zur Erkenntnis, das ihm genau dieser Vorwurf zu einer politischen Rolle verhalf, die alles andere als weltfremd war.

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