Eren Yeşilyurt

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Martin Tielke: Schmitt war der konkrete politische Denker, für den Jünger das Wirkliche eher als Gleichnis begriff

Ernst Jünger und Carl Schmitt, die sich daran machten, die Epoche, in der wir leben, in ihren einzigartigen Zügen zu erfassen, sind zwei wegweisende Persönlichkeiten, deren Einfluss bis heute nachwirkt. Über diese besondere Beziehung, die im Laufe ihrer Entwicklung bedeutende Brüche und Wandlungen durchlief, sprachen wir mit Martin Tielke, dem Autor der Monografie Der stille Bürgerkrieg: Ernst Jünger und Carl Schmitt im Dritten Reich (Landt Verlag, 2007).

Die 1930 in Berlin begonnene und über fünfzig Jahre hinweg in Hunderten von Briefen fortgeführte Beziehung zwischen Ernst Jünger und Carl Schmitt wirkt weniger wie eine klassische Gesinnungsgemeinschaft als vielmehr wie die Anziehung von Gegensätzen. Dennoch war die Bindung so eng, dass Jünger seinen neugeborenen Sohn nach Schmitt benannte und ihn zum Taufpaten machte. Was hat Schmitt an Jünger so angezogen?

Vielleicht faszinierte Schmitt die Tatsache, dass Jünger in gewisser Weise das Gegenteil von ihm war: eine kalte Persona und ein Soldat, der aber zugleich hochgebildet auftrat. Erstaunlich ist, dass sich die Freundschaft gerade in den Jahren besonders herzlich gestaltete, in denen beide politisch am weitesten auseinanderlagen. Jünger hielt von Anfang an Distanz zum Regime, während Schmitt seine Karrierehoffnungen auf die neuen Machthaber richtete. Und doch fällt die Patenschaft für Jüngers 1934 geborenen Sohn genau in diese Zeit. Den Gegensatz der Naturen hat Schmitt genau registriert. Er erkannte Jüngers Verpanzerung und Verkniffenheit, aber auch dessen Fähigkeit zur Selbstüberwindung, während er sich selbst eher als ohnmächtigen Juristen im Getriebe der Weltgeschichte sah. Am Anfang der Beziehung stand zudem ein Kompliment Jüngers, der Schmitts Werk über den Begriff des Politischen mit einer lautlos explodierenden Mine verglich.

In den Jahren der Diktatur tauschten sich beide intensiv über ihre Lektüren aus. Welche Texte waren in dieser Zeit für Schmitt und für Jünger prägend, und wer brachte wen auf Autoren wie Melville oder Léon Bloy? Zeigen sich in diesen Lektüren auch Unterschiede in der Art, wie beide ihre Lage deuteten?

Prägende und existentielle Texte im Nationalsozialismus waren für Schmitt Werke von Herman Melville, Konrad Weiß und Annette von Droste-Hülshoff, die insbesondere gegen Kriegsende für ihn zentral wurde. Melvilles Erzählung über Benito Cereno beschäftigte Schmitt so sehr, dass er Jünger in seinen Briefen beharrlich fragte, ob er die Erzählung inzwischen gelesen habe, und sich selbst mit der Titelfigur identifizierte. Das Schiff war ihm ein Bild der in Revolution und Bürgerkrieg untergegangenen staatlichen Ordnung; die meuternden Sklaven verglich er mit der ihn bedrohenden SS, während der Anführer der Meuterei für ihn als Chiffre für Hitler diente. Bei Konrad Weiß und Droste-Hülshoff suchte er vor allem religiösen und existentiellen Halt. Auf Léon Bloy hat Schmitt Jünger hingewiesen, nicht umgekehrt, zweifelte später jedoch daran, ob Jünger ihn überhaupt verstanden hatte. Jünger wiederum war stärker von Edgar Allan Poe fasziniert. Darin zeigt sich ein grundlegender Unterschied: Während Schmitt in Melvilles Erzählung das Abbild seiner eigenen konkreten politischen Lage sah, war der Absturz in den Maelstrom bei Poe für Jünger ein metaphysisches Bild. Schmitt war der konkrete politische Denker, für den Jünger das Wirkliche eher als Gleichnis begriff. An Jüngers Werken dieser Zeit schätzte Schmitt vor allem das Abenteuerliche Herz, insbesondere die Passage über den Oberförster, aber auch Auf den Marmorklippen zitierte er wiederholt.

Schmitt, vom Regime ins Abseits gedrängt, hatte sich spätestens mit seinem Leviathan-Buch von 1938 in einen inneren Raum zurückgezogen und verbrachte die Kriegsjahre in Berlin, während Jünger im Pariser Besatzungsstab in Uniform seine Tagebücher führte. Haben sich diese so unterschiedlichen Formen des beredten Schweigens, die des Juristen und die des Schriftstellers, gegenseitig beeinflusst? Und wie blickte Schmitt auf Jüngers Lage in Paris?

Eine wechselseitige Beeinflussung gab es kaum. Schmitt beneidete Jünger in gewisser Weise, da dieser durch seine Offiziersuniform vor dem Zugriff der Gestapo einigermaßen geschützt war. Beide empfanden sich nach Kriegsende als glücklich Davongekommene. Nach Schmitts Verständnis lag das daran, dass keiner von ihnen im nationalsozialistischen Staat völlig privat geblieben war: Jünger war Wehrmachtsoffizier, Schmitt behielt nach dem Verlust seiner Parteiämter 1936 den Titel des Preußischen Staatsrats. Die tatsächliche Gefährdung des jeweils anderen erkannten sie dennoch kaum. Jünger verstand Schmitts Leviathan-Schrift nicht als Signal aus existenzieller Bedrängnis und hatte wenig Gespür für die Gefahr, in der Schmitt schwebte. Schmitt wiederum glaubte, Jünger habe in Paris ein recht komfortables Leben geführt, und übersah dabei, dass auch dort Gefahren drohten. Schmitt selbst stand nach eigener Wahrnehmung unter dem ständigen Druck, den Sicherheitsorganen nicht aufzufallen. Das Verhältnis beider war in diesen Jahren von wechselseitiger Blindheit geprägt.

Nach Kriegsende geriet die Freundschaft in eine tiefe Krise, die schließlich zu einem jahrelangen Abbruch des Briefwechsels führte. Warum löste Jüngers Versuch, die Epoche in seinem Roman Heliopolis in einer abstrahierend-mythologischen Sprache zu fassen, bei Schmitt eine derart tiefe Erbitterung aus? Und welche Rolle spielte dabei die völlig veränderte Lage der beiden nach 1945?

Nach dem Krieg war die Situation eine völlig andere. Während Jünger im NS mit dem „Abenteuerlichen Herz“ in den Surrealismus auswich und mit den „Marmorklippen“ eine mythologisch verbrämte Geschichte erzählte, sah sich Schmitt wegen seiner NS-Schriften massivem Erklärungsdruck ausgesetzt. Er lehnte es aber ab, sich öffentlich zu erklären, weil er der Öffentlichkeit grundsätzlich misstraute. Öffentliche Bußrituale waren für ihn ein obszönes Schauspiel. In „Ex Captivitate Salus“ heißt es: „Wer beichten will, gehe hin und zeige sich dem Priester“ . Genau das tat er: Im Juni 1945 notiert er, er habe dem Pfarrer „meine Vernichtung als Rechtswissenschaftler gestanden“. Wie jetzt das Tagebuch 1945 deutlich macht, hat er seine „Schuld“ sehr offen bekannt – aber eben nicht öffentlich! Ein Vers der Droste wird dabei geradezu zum Refrain: „So muss ich eigene Schuld und Torheit sühnen“ . Jünger hätte nach 45 nichts mehr mythologisieren müssen. Dass er es dennoch machte, empfand Schmitt als verlogen. Am 25. November 1949 sah er in Heliopolis eine Flucht vor dem Aussprechen der harten Wahrheit. Was in den „Marmorklippen“ noch unter dem Zwang zur Camouflage geschehen war, erschien ihm jetzt als erbärmliches Ausweichen. Mit Heraklits Maxime „Man geht nur einmal durch denselben Fluß“ hielt er Jünger vor, mit „Marmorklippen“, „Strahlungen“ und „Heliopolis“ gleich dreimal durch denselben Fluss zu gehen. An Jünger selbst schrieb er am selben Tag höflicher, er sei „ein Chaopolit und kein Heliopolit“. Zum Bruch kam es erst, als Jünger ihre gemeinsame Geschichte im Irrealis erzählte. Wäre Schmitt 1933 seinem Rat gefolgt, so Jünger, wäre er vielleicht nicht mehr am Leben, aber zum Urteil über ihn berechtigt. „So spricht ein Überlebender zu einem Überlebenden“, notierte Schmitt bitter im Glossarium. Er hielt mit Bloy dagegen, „Tout ce qui arrive est adorable“, und musste erkennen, dass Bloy an Jüngers Fassade „wie ein blindes Fenster hängt“. Am 5. Februar 1950 antwortete er nur noch: „Capisco et obmutesco“ ( Hinzu kommt, dass Schmitt in engen Verhältnissen lebte und materiell schlecht gestellt war (keine Pension), während Jünger bald wieder ein gut verdienender und anerkannter Autor war. Im Juli 1945 heißt es im Tagebuch: „Keinen Pfennig Geld“ Am 21. August schreibt er: „Er ist in Sicherheit; ich sitze hier auf dem Orel“ . Ein gewisser Neid dürfte hier auch eine Rolle gespielt haben. Er allein erklärt den Bruch freilich nicht. Die oft bemühte „Mißgunst“ Schmitts greift zu kurz, weil dahinter sachliche Gegensätze standen, die erst nach dem Ende des NS-Staates offen aufbrachen.

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